Stellen Sie sich vor, Sie buchen einen Flug – und bezahlen direkt über die Airline-App mit einem Ratenkredit. Oder Sie verkaufen ein Produkt online und erhalten automatisch eine Versicherung dazu. Was früher nur mit dem Gang zur Bank möglich war, passiert heute nahtlos im Hintergrund: Willkommen in der Welt des Embedded Finance.
„Embedded Finance“ – also eingebettete Finanzdienstleistungen – gilt als einer der dominierenden Megatrends für 2025. Immer mehr Unternehmen aus Nicht-Bankensektoren integrieren Bankfunktionen direkt in ihre Software, Websites oder Apps. Ob Bezahlen, Finanzieren, Versichern oder Investieren – Finanzangebote werden genau dort verfügbar, wo der Kunde sie braucht.
In diesem Beitrag erklären wir, wie Embedded Finance funktioniert, warum es boomt, welche Chancen es Unternehmen bietet – und welche Risiken man kennen sollte.
Was ist Embedded Finance?
Unter Embedded Finance versteht man die Integration von Finanzdienstleistungen in nicht-finanzielle digitale Produkte. Statt eine Bank oder Versicherung direkt aufzusuchen, nutzen Kunden Finanzfunktionen innerhalb anderer Anwendungen – zum Beispiel in E-Commerce-Plattformen, Mobilitätsdiensten oder Buchhaltungssoftware.
Einige Beispiele aus dem Alltag:
- Buy Now, Pay Later (BNPL): Klarna oder Paypal ermöglichen Ratenkäufe direkt im Checkout-Prozess von Online-Shops.
- Versicherungen beim Autokauf: Tesla bietet seinen Käufern direkt im Verkaufsprozess eine integrierte Autoversicherung an.
- B2B-Zahlungslösungen: Buchhaltungssoftware wie QuickBooks oder Odoo integrieren Banking, Kredite und Zahlungsabwicklung in ihre Plattformen.
- Banking in Super-Apps: WeChat oder Grab in Asien bieten alles – von Kommunikation bis Kontoführung.
Die Vision: Finanzdienstleistungen werden unsichtbar, aber allgegenwärtig.
Warum boomt Embedded Finance gerade jetzt?
Mehrere Trends befeuern den Aufstieg:
- Digitale Plattformökonomie: Plattformen dominieren zunehmend unseren Alltag – und Nutzer erwarten, alles an einem Ort zu erledigen.
- APIs & Fintech-Integration: Dank Banking-as-a-Service (BaaS) und offenen Schnittstellen lassen sich Finanzfunktionen technisch einfach integrieren.
- Regulatorische Entwicklungen: PSD2 und Open Banking haben das Monopol klassischer Banken aufgelöst.
- Customer Experience: Nutzer wollen keine Unterbrechung, keine App-Wechsel – sondern alles aus einem Guss.
Welche Arten von Embedded Finance gibt es?
Embedded Finance ist ein breiter Begriff, der verschiedene Bereiche umfasst:
| Bereich | Beispiele |
|---|---|
| Embedded Payments | Apple Pay in Apps, In-App-Käufe, Bezahlschnittstellen (Stripe, Adyen) |
| Embedded Lending | Kredite im Checkout (BNPL), Mikrokredite für Verkäufer (z. B. Amazon Lending) |
| Embedded Insurance | Reiseversicherungen bei Buchung, Geräteschutz direkt beim Kauf |
| Embedded Banking | Kontoführung für Freelancer innerhalb von Tools wie Shopify oder Etsy |
| Embedded Investing | Trading in Super-Apps, Robo-Advisor innerhalb von Finanz-Apps |
Wie funktioniert Embedded Finance technisch?
Im Zentrum stehen APIs (Application Programming Interfaces), mit denen Drittanbieter auf Bankinfrastruktur zugreifen können. Dank Banking-as-a-Service-Plattformen wie Solaris, Mambu, Treezor oder Railsr können Softwareanbieter einfach Module integrieren, z. B.:
- KYC (Know Your Customer)
- Kontoführung
- Zahlungsabwicklung
- Kreditentscheidungen
- Versicherungsangebote
Das bedeutet: Plattformen bleiben in der Customer Journey im Vordergrund, während die eigentliche Bankdienstleistung im Hintergrund über lizensierte Partner abgewickelt wird.
Vorteile für Unternehmen
Die Integration von Finanzdiensten bietet zahlreichen Branchen enorme Chancen:
- Neue Einnahmequellen: Provisionen, Gebühren, White-Label-Banking.
- Stärkere Kundenbindung: Weniger Wechsel zur Konkurrenz durch ganzheitliche Nutzererfahrung.
- Datennutzung: FinTech-Funktionen liefern neue Erkenntnisse über Kundenverhalten.
- Markenaufwertung: Unternehmen positionieren sich als All-in-One-Anbieter.
Vorteile für Nutzer
Auch Endkunden profitieren:
- Bequemlichkeit: Keine App-Wechsel, kein Login bei Fremdanbietern.
- Bessere Konditionen: Embedded-Finance-Partner arbeiten oft effizienter als traditionelle Banken.
- Personalisierung: Angebote basieren auf Nutzungsverhalten und Kontext.
Risiken und Herausforderungen
Doch Embedded Finance birgt auch Risiken:
- Verbraucherschutz: Nutzer wissen nicht immer, mit wem sie finanziell interagieren.
- Datenschutz: Kombinierte Nutzerdaten schaffen neue Angriffsflächen.
- Regulierung: Anbieter ohne Banklizenz müssen Partner sorgfältig auswählen.
- Vertrauen: Finanztransaktionen in Nicht-Finanz-Apps könnten skeptisch beäugt werden.
Wachstumspotenzial: Zahlen und Prognosen
Laut einer Studie von Accenture wird Embedded Finance bis 2030 einen Marktwert von über 7 Billionen US-Dollar erreichen. Besonders BNPL, Embedded Insurance und B2B-Finanzdienste wachsen stark.
In Europa investieren nicht nur Start-ups, sondern auch große Plattformen wie:
- Zalando (Versicherung & BNPL)
- Deutsche Bahn (In-App-Bezahlung & Reisekosten-Kredit)
- Delivery Hero (Fahrer-Versicherungen und Kreditlösungen)
Beispiel: Odoo integriert Embedded Payments
Ein konkretes Beispiel aus dem ERP-Bereich: Odoo, das Open-Source-ERP-System, bietet mittlerweile integrierte Zahlungsabwicklung, Kredite und Banking direkt in der Software – etwa für Online-Shops, Rechnungsstellung oder Subscriptions. So werden kleine Unternehmen zu ihren eigenen FinTechs – ohne extra Tools oder Dienstleister.
Fazit: Die Zukunft des Finanzwesens ist unsichtbar – aber überall
Embedded Finance wird das Finanzwesen so grundlegend verändern, wie es einst das Onlinebanking getan hat. Die Grenzen zwischen Software und Bank verschwimmen – zugunsten einer bequemen, kontextbezogenen und intelligenten Nutzererfahrung.
Für Unternehmen heißt das: Wer heute in Embedded-Finance-Funktionalität investiert, bindet Kunden enger, erschließt neue Märkte – und positioniert sich als Anbieter der nächsten Generation.
Für Kunden bedeutet es: Finanzen werden einfacher, personalisierter und intuitiver – direkt dort, wo man sie braucht.
Dr. Jens Bölscher ist studierter Betriebswirt mit Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik. Er promovierte im Jahr 2000 zum Thema Electronic Commerce in der Versicherungswirtschaft und hat zahlreiche Bücher und Fachbeiträge veröffentlicht. Er war langjährig in verschiedenen Positionen tätig, zuletzt 14 Jahre als Geschäftsführer. Seine besonderen Interessen sind Innovationen im IT Bereich.
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